Schuldig und Unvergessen

Ein Tag zwischen harter Gegenwart und bewegender Geschichte

Knapp 70 Schüler der drei heurigen Maturaklassen machten sich am Morgen des 16. April 2026 in Begleitung der Lehrer Daniel Geiger und Ariel Lang auf den Weg, um im Rahmen des Psychologie- und Philosophieunterrichts am Vormittag das Landesgericht in Feldkirch und am Nachmittag das Jüdische Museum in Hohenems zu besuchen.

Um 8:30 Uhr trafen sich die Besucher vom BORG Egg vor dem Eingangstor des Gerichtsgebäudes, wo sie von Strafrichter Martin Mitteregger freundlich in Empfang genommen wurden, der ihnen zunächst im Innenhof des Landesgerichts eine kurze Einführung bot und sie dann in den großen Schwurgerichtssaal führte, den zentralen Ort des Geschehens. Ebendort begann dann kurz vor 9:00 Uhr die erste von zwei Verhandlungen, denen unsere 8ab, 8ai und 8bn – im Verein mit einer Berufsschulklasse aus Bludenz – bis etwa 11:50 Uhr beiwohnen durften. Beide Verhandlungen fanden vor einem Schöffengericht statt, da sowohl die zuerst verhandelte absichtliche schwere Körperverletzung (§ 87 StGB) als auch der anschließend auf der Tagesordnung stehende Raub (§ 142 StGB) Straftaten mit einer gesetzlichen Strafdrohung von mehr als fünf Jahren Freiheitsstrafe waren. Im ersten Falle sah es das Gericht als erwiesen an, dass der nicht geständige Angeklagte seinem Opfer ein Longdrink-Glas im Gesicht zertrümmert hatte. Im zweiten Fall erfolgte ebenfalls ein Schuldspruch, indes war der Angeklagte, wie sein Verteidiger mehrfach betonte, reumütig geständig, eine 84-jährige Frau in ihrer Wohnung ausgeraubt zu haben. Vor und nach den Verhandlungen nahm sich Richter Mitteregger dankenswerterweise viel Zeit, um den Jugendlichen die Fälle und deren Hintergründe anschaulich und eindrucksvoll zu erläutern, sodass er beinahe darauf vergessen hätte, die im Nebenzimmer brav wartenden Schöffen zu entlassen. Selbstredend bestand dabei jederzeit die Möglichkeit, allerlei Fragen zu stellen, wovon das Publikum auch eifrig Gebrauch machte.

Nach einer individuell gestalteten Mittagspause fanden sich die Maturaklassen samt Lehrpersonen pünktlich um 14:00 Uhr vor dem Jüdischen Museum in Hohenems ein, wo sie in vier gleich große Gruppen aufgeteilt und vier hochmotivierten Museumsführern zugeteilt wurden. Zwei Gruppen besichtigten sodann zwei unterschiedliche Teile der Dauerausstellung, eine Gruppe machte Bekanntschaft mit der aktuellen Ausstellung „Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden“ und eine Gruppe begab sich auf einen Rundgang durch das Jüdische Viertel. Im Halbstunden-Takt wurde gewechselt, sodass die Gäste vom BORG Egg bis zum Ende dieser lehrreichen ganztägigen Exkursion um 16:00 Uhr noch vier durchaus spannende Einblicke in jüdische Geschichte und Kultur erhielten: In der Dauerausstellung wurde anhand von Biografien und Objekten der Bogen von den Anfängen der Hohenemser jüdischen Gemeinde bis zu Verfolgung, Flucht und ihrer Zerschlagung nach 1938 gespannt – einschließlich des Nachkriegsblicks auf Überlebende, Erinnerungskultur und die weltweite Hohenemser Diaspora. Die Sonderausstellung „Die Morgenländer“ machte deutlich, wie eng die Entstehung der Orientwissenschaften im 19. Jahrhundert mit der Wissenschaft des Judentums sowie mit Emanzipation und Reform verbunden war und wie dieser Zugriff gängige Gegenwartsstereotype produktiv in Frage stellt. Beim Rundgang durch das Jüdische Viertel standen mit der ehemaligen Synagoge und der Mikwe zwei zentrale Orte der Gemeinde im Mittelpunkt; zudem kamen wir am Brettauer-Haus vorbei, das die weit verzweigten Familienbeziehungen der Hohenemser Diaspora (und damit auch den Bezug zu Stefan Zweig über seine mütterliche Familie) anschaulich werden ließ. (Daniel Geiger)